Feb 19, 2019

Zwischen multiresistenten Keimen, Heilpflanzen und Pickleball

Von Fabien Schultz

Während der Arbeit an der analytischen HPLC im Quave Lab.

Nachdem ich vor ungefähr einem Jahr die Mitteilung erhielt, ich sei für das Fulbright-Doktorandenprogramm ausgewählt worden, wusste ich, dass dies eine große Chance für meine persönliche und berufliche Entwicklung ist. Ich hatte jedoch zu jenem Zeitpunkt keine Ahnung in welchem Ausmaße dieses tatsächlich zutraf, denn in den letzten viereinhalb Monaten habe ich durch meinen Fulbright-Aufenthalt an der Emory University in Atlanta, Georgia nicht nur fachlich unglaublich viel in kürzester Zeit dazu gelernt und mein Wissen auf meinem Forschungsgebiet erweitern können, sondern auch viele neue wegweisende Eindrücke sammeln können und Freunde „fürs Leben“ dazugewonnen.

Meine Promotionsarbeit an der TU Berlin beschäftigt sich unter Betreuung von Prof. Leif-Alexander Garbe mit der traditionellen Nutzung von Medizinpflanzen im ostafrikanischen Regenwald und der Suche nach neuen Wirkstoffen gegen weltweit relevante Krankheiten. Es ist davon auszugehen, dass ca. 70% aller Pflanzen- und Insektenarten in den Regenwäldern West-Ugandas und des Ostkongos (DRC) noch nicht entdeckt sind, 99% dieser wurden noch nicht auf eine pharmakologische Wirksamkeit hin untersucht. Als Gaststudent und -dozent an der ugandischen Makerere University und Kampala University habe ich einmaligen Zugang zu den afrikanischen Regenwäldern und befrage im Rahmen meiner Forschung Medizinmännern/-frauen in relativ isoliert lebenden Stämmen. Das Wissen zur Verwendung von Heilpflanzen wird meist nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben und wird somit oftmals von mir zum ersten Mal dokumentiert. Im Labor wird nachfolgend eine potenzielle Wirksamkeit gegen Malaria, Entzündungen, Schmerzen, Krebs und weitere Krankheiten untersucht und die traditionelle Nutzung evaluiert.

Dr. Cassandra Quave, meine Fulbright-Betreuerin, die mir in Atlanta alles ermöglicht hat und von der ich viel gelernt habe.

Die Emory University ist eine traditionsreiche Privatuniversität in Atlantas historischem Druid Hills Viertel und in direkter Nachbarschaft zum weltbekannten Hauptquartier des Center for Disease Control and Prevention (CDC) gelegen. Während meines Fulbright-Aufenthaltes konnte ich meine Forschung in der „Quave Research Group - Medical Ethnobotany and Drug Discovery“ weiterentwickeln und moderne pharmakologische Verfahren zur Testung meiner Pflanzenextrakte auf multiresistente Bakterienstämme anwenden.

Dr. Cassandra Quave, ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Ethnobotanik und -pharmakologie und war meine ideale Host-Betreuerin, weil sie als eine der wenigen weltweit, genau wie ich, alle Schritte dieser Art von Forschung selber durchführt - von der Feldarbeit mit traditionellen Heilern/innen, über in vitro und in vivo Laborscreenings und Isolation von aktiven Substanzen aus Pflanzen, bis hin zur Strukturaufklärung potenzieller neuer Wirkstoffe für die Pharmaindustrie. So konnte ich meine Sammlung von 86 Pflanzenextrakten auf eine mögliche antibakterielle Wirksamkeit gegen, vom CDC aus infizierten Patienten isolierte, Krankheitserreger testen, gegen die gängige Antibiotika nichts mehr ausrichten können. In modernen Testverfahren wie z.B. dem Quorum Sensing Inhibition Assay konnte ich ebenfalls pflanzliche Extrakte identifizieren, die lediglich die essentielle Fähigkeit zur Kommunikation der Bakterien untereinander unterbinden, ohne diese jedoch zu töten und somit Resistenzbildung entgegenwirken.  Die spannenden Labortests konnten im Resultat die traditionelle Nutzung und Wirksamkeit der Mehrzahl der Pflanzen im Labor in vitro bestätigen! Es wurden insgesamt vier Spezies für weiterführende Untersuchungen und Identifikation potentiell neuer Wirkstoffmoleküle ausgewählt, die mittlerweile Bestandteil fortlaufender transatlantischer Kollaborationen sind.

Meet-A-German-Initiative an der Ashford Elementary School in Atlanta, GE.

Die Arbeit im Quave Lab war deutlich strukturierter als ich es zuvor in deutschen Laboren kennengelernt habe, was in hoher Produktivität resultierte. Die Wissenschaftsgemeinschaft in Atlanta und an der Emory University im Speziellen war breit aufgestellt und ich nahm an einer Vielzahl von unterschiedlichen Symposien wie u. a. dem Global Health Equity Symposium und dem Botanical Research Symposium teil. Insgesamt konnte ich meine Forschung durch zwei Posterpräsentationen und drei Vorträge während meines Aufenthaltes vorstellen. Ich sammelte ebenfalls neue Erfahrungen, indem ich eine Vorlesung zur afrikanischen Ethnobotanik vorbereiten und im Bachelor-Kurs „Medical Ethnobotany“ halten durfte. Durch die Meet-A-German-Initiative von Fulbright hatten wir während eines Besuches meiner Frau einen tollen Tag in der Ashford Elementary School, der uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Im Alltag an der Emory University erwies sich die Quave Group jedoch nicht nur fachlich als großer Glücksfall: Ich wurde von Anfang an als fester Bestandteil der Gruppe angenommen und unternahm auch in meiner Freizeit nahezu täglich etwas mit den anderen Promotionsstudierenden und PostDocs. Es ist schwer die Verbindung zwischen zwei meiner Kollegen, einer Kollegin und mir zu beschreiben, aber es fühlte sich wie eine „zweite Familie“ für die Zeit auf der anderen Seite des Teiches an. Im Scherz nannten wir uns von Anfang an die „International Junior Research Group“, weil wir in der Kombination alle benötigten Gebiete für eine eigene Drug-Discovery-Firma abdeckten.

Die „Int Jr Res Co“ bei der Arbeit (v. l. n. r.: Dr. Francois Chassagne, Dr. Gina Porras-Brenes, Akram Salam und Fabien Schultz).

Aber auch abseits der Emory University hatte ich viel Spaß und lernte viele neue Freunde kennen. Meine Vermieter, Margo und David, luden mich gleich zu Beginn meiner Zeit in Atlanta zu einer relativ neuen Trendsportart, dem Pickleball ein. Pickleball ist eine Mischung aus Tennis, Tischtennis und Badminton. Um es kurz zu fassen: ich wurde direkt süchtig, denn es machte so viel Spaß! Über den Sportverein lernte ich viele US-Amerikaner kennen und lieben. In Deutschland ist Pickleball noch nahezu unbekannt ist, was mich nicht davon abhielt Netz, Schläger und Bälle mitzunehmen, um das Spiel nach meiner Rückkehr in meine Heimatstadt Hamburg zu holen. So kann ich mich fit halten, denn Margo und David werden mich dieses Jahr in Deutschland besuchen, damit wir gemeinsam bei dem größten europäischen Pickleball-Turnier teilnehmen können.

Darüber hinaus ebnete mein Fulbright-Aufenthalt den Weg zu einer langfristigen Kooperation zwischen den beteiligten Universitäten und mir. Allein in diesem Jahr werden zwei Publikationen zu den Ergebnissen meiner Zeit in Atlanta bei wissenschaftlichen Journals eingereicht werden und sowohl Dr. Quave, als auch ein Doktorand ihrer Arbeitsgruppe, Akram Salam (siehe Abb. 4), planen mich und meine Heimuniversität unabhängig voneinander zeitnah zu besuchen. All dieses wäre ohne die Unterstützung von Fulbright Germany nicht denkbar gewesen. Die Emory University wurde kürzlich im The Princeton Review 2019 nach Auswertung von Umfragen als die Universität mit der besten Lebensqualität für Studierende in den Vereinigten Staaten ausgezeichnet. Diese Steigerung der Lebensqualität konnte ich als Austauschstudent selbst erleben und bestätigen, denn der Aufenthalt in Atlanta war in allen Belangen eine Bereicherung für mein Leben, an den ich immer gerne zurückdenken werde.

Der Pickleball-Freizeitausgleich führte zu viel Spaß und neuen Freundschaften außerhalb der „akademischen Welt“.

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