Feb 22, 2019

New Orleans State of Mind

Von Vy Nguyen

Gruppenfoto mit anderen International Students

Vier Monate an der University of New Orleans liegen nun hinter mir. Vier Monate, in denen ich eine Menge neuer Freunde gewonnen, viele Dinge erlebt und wundervolle Erinnerungen geschaffen habe.

Für mich stand schon immer fest, dass ich ein Auslandssemester absolvieren wollte. Als sich dann die Möglichkeit ergab, in New Orleans zu studieren, war mir klar: „Da möchte ich unbedingt hin.“
Auch das Programm der Universität passte zu meinem Studiengang: Da ich Medieninformatik studiere bot sich mir der Mix aus den „Film & Theatre“, „Fine Arts“ und „Computer Science“ Departments perfekt an, um eine passende Kurswahl zu treffen.

Zunächst einmal zur Uni selbst: Die University of New Orleans gehört mit knapp 8000 Studierenden zu den eher mittelgroßen Universitäten der USA. Auch der Campus ist noch relativ überschaubar und liegt außerdem außerhalb des Stadtzentrums. Aufgrund dessen wird sie von vielen ortsansässigen auch eher als „commuter school“, also Pendleruni, angesehen. Nichtsdestotrotz hatte ich eine tolle Zeit dort, es gibt direkte Busverbindungen in die Stadt, der Campus ist schön und liegt außerdem an der Lakefront des Pontchartrain Sees, wo man Zeit verbringen und sich viele Sonnenuntergänge ansehen kann.

Die Earl K. Long Bibliothek an der University of New Orleans

An der Uni wählte ich Kurse, die sich inhaltlich mehr oder weniger mit meinen Wahlpflichtmodulen des hiesigen Studiengangs deckten.

Im Rahmen meiner „Development of Mobile Apps“ class entwickelte ich zusammen mit meiner Projektgruppe eine „Treasure Hunting“ App und lernte viel über das Entwickeln von mobilen Anwendungen mittels Android Studio, und dem Entwicklungsprozess des Software Engineerings im Allgemeinen.

Ich erfuhr viel Interessantes über digitale Forensik und die eingetzten Methoden in „Digital Forensics“. Gerade die Labore brachten viel Anwendung in der Praxis, was sehr geholfen hat. Ich konnte damit verloren geglaubte Daten eines USB-Sticks wiederherstellen und löste im Rahmen der Labore von unserem Professor gestellte „kriminelle Fälle“.

In meinen „Introduction to Digital Art“- und „Beginning Film Post Production“-Kursen beschäftigte ich mich mit der gestalterischen Seite der Medien. Ich arbeitete dort mit Schnittprogrammen und Photoshop, After Effects usw. und konnte so meine kreative Seite ausleben, die an meiner Heimatuniversität kürzer kommt. Für jedes Projekt gab es im Nachhinein eine Feedbackrunde, in der die Arbeiten von jedem vorgestellt wurden und die Kommilitonen ihre Meinung, Kritik oder Lob äußern konnten, was für die folgenden Projekte ungemein half.

Das Studium selbst unterschied sich stark von dem, was ich in Hamburg gewohnt war: Es gab Anwesenheitspflicht, regelmäßige Quizze und Hausaufgaben und teilweise floss sogar die Beteiligung im Unterricht noch mit in die Bewertung ein. Eine Umstellung, da in Deutschland normalerweise eine höhere Eigenverantwortung im Studium erwartet wurde. Jedoch hatte das System in den USA auch einige Vorteile: Die Note hing am Ende nicht nur von einer einzigen Klausur ab und man setzte sich während des Semesters mehr mit dem Lernstoff auseinander.

Auch die Beziehung zwischen den Studenten und den Lehrenden war anders. Die Professoren kannten fast alle ihre Studenten bei Namen, sie halfen einem, wo sie konnten und die Studenten scherzten des Öfteren auch mit ihnen herum. Die Beziehung war viel persönlicher.

Pferdekutsche im historischen French Quarter in New Orleans.

Ein weiterer Punkt, der gewöhnungsbedürftig war: Das Klima. Der ungewöhnlich warme Sommer in Deutschland hatte mich glücklicherweise schon ein wenig darauf vorbereitet, aber: Es. War. Heiß. Da ich Mitte August ankam, war es Hochsommer, es war unglaublich warm und die relativ hohe Luftfeuchtigkeit machte die Sache nicht besonders erträglicher. Jedoch konnte ich so noch immer draußen in kurzen Hosen und Kleidern herumlaufen, während sich meine Freunde Zuhause schon auf den kalten Herbst vorbereiteten. Ab Oktober kühlte es dann auch ein wenig ab und die Temperaturen waren recht angenehm.

Apropos Wetter - Eine Besonderheit des Klimas: New Orleans liegt an der Golfküste und damit in einem feuchten subtropischen Gebiet. Während andere in ihrer Orientierungswoche das Campusleben und die Kurse vorgestellt bekommen, hatten wir eine Session darüber, was wir im Falle eines Hurrikans machen sollen. Da ich das Fall Semester dort verbrachte, traf ich somit mitten in der Hurrikan-Saison ein, dessen Hochphase von Juni bis September ist. Uns wurde erklärt, wie wir uns in einer solchen Situation verhalten sollen. Außerdem wurden wir dazu angehalten, selbst einen Evakuierungsplan zu schmieden. Gerade nach der verheerenden Naturkatastrophe im Jahre 2005 ist die Sorge sehr berechtigt und ernst zu nehmen: Noch immer sind in der Stadt die Folgen von Katrina zu sehen, obwohl das Ereignis nun schon über zehn Jahre zurückliegt. Ich hatte das Glück, dass wir, abgesehen von kleineren Stürmen und Regenfällen, weitestgehend verschont geblieben sind und ich keinen Hurrikan miterleben musste.

Konzert in einem der zahlreichen Jazz Clubs in New Orleans

Nun zur Stadt: New Orleans ist für mich eine der ästhetisch ansprechendsten Städte, in denen ich bisher war. Das bekannteste Stadtviertel ist vermutlich das French Quarter, bzw. Vieux Carré, welches voller Geschichte steckt – Hier mixt sich Alt mit Neu: Etliche einzigartige Gebäude mit Einflüssen aus der französischen und spanischen Architektur reihen sich hier aneinander, es gibt den French Market, Antiquariate, alte Restaurants, Pferdekutschen, aber auch moderne Boutiquen und Kunstgalerien.

Die Atmosphäre in der Stadt kann ich nicht mit anderen Orten vergleichen: Das Flair und Ambiente sind einfach einmalig. Es vergeht kaum eine Woche, in der keine Parade oder ein Festival stattfinden, man kann in einem der zahlreichen Clubs dem New Orleans‘ Jazz lauschen, sich mit „southern comfort food“ und Beignets den Bauch vollschlagen, mit den Street Cars fahren und die Bourbon Street dort erinnerte mich stark an den Kiez in Hamburg. Auch über die Voodoo Religion (die übrigens gar nichts mit den Voodoo Puppen aus den Medien und „schwarzer Magie“ zu tun hat) lernte ich einiges.
Während meiner Zeit dort gab es immer etwas zu unternehmen, Langeweile hatte ich dort nicht.

Aber nicht nur die vielen Aktivitäten machten die Stadt so attraktiv, auch der geschichtliche und kulturelle Aspekt ist ein wichtiger und interessanter Faktor. Hier kommen afroamerikanische, karibische, spanische und französische Einflüsse zusammen. New Orleans ist ein wahrhaftiger „melting pot“ verschiedener Kulturen, Geschichte, Musik, Essen und Architektur.

Eindrücke aus dem French Quarter

Nicht nur innerhalb der Stadt gibt es Vieles zu entdecken, ein persönliches Highlight für mich z.B. war ein Tagestrip zu der Whitney Plantation: Ein Museum, welches der Sklaverei im Süden der Vereinigten Staaten gewidmet ist.
Anders als viele der anderen Plantagen wird der Schwerpunkt der Führungen dort auf die Perspektive der Slaven gelegt, und nicht die der Plantagenbesitzer. Vor Ort war es schwer zu fassen, dass sich dies alles wirklich einmal zugetragen hat. Eine wirklich beeindruckende Tour und eine wichtige Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Während des Semesters hatte ich außerdem Kontakt zu anderen Fulbrightern, mit denen ich mich über Reisetipps und andere Erfahrungen austauschen konnte. Das Fulbright Netzwerk ist eine tolle Möglichkeit, um mit anderen in Kontakt zu treten. Nach meinem Semester hatte ich noch die Möglichkeit, andere Orte zu bereisen. So besuchte ich zum Beispiel einen guten Freund in New York, den ich damals über das Seminar in Berlin vor meinem Auslandsaufenthalt kennengelernt hatte und der mich ebenfalls in New Orleans besuchen kam. In meinem Fall brachte Fulbright eine wundervolle transatlantische Freundschaft hervor, die, da bin ich mir sicher, noch viele Jahre halten wird.

Die Kultur, die Musikszene, der Jazz, das Essen und natürlich das passende Studienangebot waren einige der Hauptgründe, warum ich gerade nach New Orleans wollte. Was mich allerdings letztendlich dazu gebracht hat, mich in diesen Ort zu verlieben, waren die wunderbaren Menschen hier. Die ganze Stadt pulsiert voller Leben, es ist immer etwas los, man hört Musiker an jeder Straßenecke, überall sind Künstler, die ihre Werke präsentieren und was über „Southern Hospitality“ gesagt wird, trifft vollkommen zu: Die Leute hier waren einfach so freundlich und herzlich.

Für mich gibt es keinen vergleichbaren Ort zu New Orleans, es ist eine wahrhaft einzigartige Stadt. Wie eine Uber-Fahrerin mal treffend sagte: „New Orleans truly is a little gem.“ Mein Abschied war bittersüß, ich war traurig zu gehen, aber ich weiß: Es ist ein „Auf Wiedersehen“, denn ich komme auf jeden Fall nochmal wieder.

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