Aug 14, 2018

Neun Monate im Zentrum des Jazz

Von Noah Rott

Das JazzKombinat Hamburg live bei der JazzLab Sommersause 2018 (Foto: Yunus Hutterer)

Nachdem ich im Alter von 13 Jahren die ersten Jazz-Schallplatten meines Vaters entdeckte, entwickelte ich eine Begeisterung und Leidenschaft für diese Musik, die mich bis heute unentwegt begleitet. Das Konzept, Musik aus dem Moment heraus zu improvisieren anstatt die Musik vorweg zu planen, ist für mich nach vielen Jahren immer noch in hohem Maße faszinierend und jedes Mal aufs Neue aufregend. Wir werden in unserem Leben ständig mit der Notwendigkeit zu Improvisieren konfrontiert und wer gut improvisieren kann befindet sich oft im Vorteil. Daher denke ich, dass Improvisation in der Musik als Inspiration für alltägliche Situationen dienen kann und so wurde es mein Ziel, die „Sprache“ des Jazz so gut wie möglich zu erlernen.

Da fast alle entscheidenden Entwicklungen in der Geschichte des Jazz in New York City stattfanden und die Stadt nach wie vor das weltweite Epizentrum des Jazz ist, strahlte dieser Ort schon lange eine starke Faszination auf mich aus. Nachdem ich in 2015 die Möglichkeit hatte drei Monate in New York City zu leben, verliebte ich mich sofort in die Stadt und ihre einzigartige Musik-Szene. In dieser Zeit manifestierte sich mein Traum eine längere Zeit in New York City zu verbringen und die Stadt, ihre Bewohner und ihre Musik besser zu verstehen und kennenzulernen. Nachdem ich mein Studium im Bereich “Bachelor of Music - Jazz Piano“ in Hamburg abgeschlossen hatte und anschließend zwei Jahre als freiberuflicher Musiker gearbeitet hatte, bekam ich endlich eine Zusage vom Fulbright-Programm und mein Traum sollte sich tatsächlich erfüllen.

Aussicht aus der NYU Library Richtung Norden nahe des Washington Square Parks

Zwar erhielt ich nach meiner Bewerbung auch eine Zusage der New York University, doch zunächst schienen die Studiengebühren, trotz der finanziellen Mittel des Fulbright-Programms immer noch zu hoch für meine finanziellen Möglichkeiten. In einem Telefonat mit dem Direktor des Jazz Departments der NYU unterbreitete mir dieser jedoch das Angebot, als “adjunct instructor” an der NYU, Bachelor Studenten anderer Fachbereiche Jazz Piano im Einzelunterricht beizubringen. Mein Unterricht fungierte dabei wie ein ganz normaler Kurs. Ich benotete die Leistungen der Studenten und mein Kurs wurde den jeweiligen Bachelor-Studenten als „elective credits“ im Studium angerechnet. Diese Arbeit war auch mit meinem J1-Visa Status vereinbar und sollte sich, zusätzlich zum finanziellen Faktor, auf vielen Ebenen als große Bereicherung herausstellen. So lernte ich durch das Unterrichten viele Studenten anderer Fachbereiche kennen und konnte meine eigenen Studienhalte durch das wiederholende Erklären auf besondere Weise zusätzlich verinnerlichen.

Tageswanderung in Upstate New York

Das Klima an der New York University gefiel mir von Anfang an sehr gut. Es herrscht insgesamt eine sehr offene, ermutigende und hilfsbereite Atmosphäre. Insgesamt profitierte ich stark von der guten Infrastruktur der NYU. Die NYU ist extrem gut in der Stadt vernetzt, optimal gelegen, übersichtlich strukturiert, bietet eine Vielzahl an Anlaufstellen, Aktivitäten und Services an und das Wohl der Studenten wird sehr ernst genommen.

Auch die konkreten Kurse gefielen mir sehr gut, auch wenn ich mich zu Anfang etwas umgewöhnen musste, da ich aus meinem Studium in Deutschland an eine größere Eigenverantwortung beim Studieren gewohnt war. Mein Lernfortschritt wurde an der NYU hingegen sehr viel regelmäßiger überprüft. In einem Kurs gab es beispielsweise jede Woche ein kleines Quiz in dem der Inhalt der Hausaufgaben abgefragt wurde. Tatsächlich sollte sich das amerikanische System für mich jedoch als sehr effektiv herausstellen und ich hatte das Gefühl in kurzer Zeit eine große Menge an neuem Wissen aufzusaugen. So studierte ich die Musikgeschichte der Romantik, studierte die Geschichte sowie die praktischen Kompositionstechniken der Renaissance, in der wichtige Grundlagen der westlichen Musik entstanden, studierte Jazz-Geschichte und erhielt Ensemble-Unterricht, gemeinsam mit Kommilitonen des Jazz Departments. Zusätzlich besuchte ich jede Woche die Workshops des Jazz Departments mit wechselnden Gästen aus der Musik-Branche. Am meisten profitierte ich von dem Einzelunterricht in meinem Hauptfach “Jazz Instrumental Performance”. Jedes Semester hatte ich die Möglichkeit Einzelunterricht von zwei verschiedenen Lehrern zu erhalten und konnte diese selbst frei aus der gesamten Faculty wählen. Meine Lehrer waren dabei hauptsächlich freiberufliche Jazz-Musiker die jeweils auf beeindruckende Karrieren blicken und zu den aktuell bekanntesten und einflussreichsten Instrumentalisten in ihren Feldern zählen. Einzelunterricht von derartigen Persönlichkeiten zu erhalten war für mich ungeheuer bereichernd und eine Erfahrung von der ich noch sehr lange zehren werde. Zudem entschied ich mich meine Master-Arbeit vorzuziehen und verfasste während der Winterpause meine Arbeit mit dem Titel “Rise of a New Meter – The History of the Quintuple Meter in Jazz” in der ich die Geschichte des ungewöhnlichen 5/4tel Taktes im Jazz untersuchte und auf viele unerwartete kulturelle und soziologische Zusammenhänge stieß.

Die Williamsburg-Bridge bei Sonnenuntergang

Auch außerhalb des Studiums fühlte ich mich sehr wohl in der Stadt. Was mich am meisten an New York City fasziniert, ist die Diversität ihrer Bewohner. Ich habe noch keinen Ort erlebt, an dem so viele unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen und auf so dichtem Raum konzentriert sind. Ob in Form von Essen, Mode, Musik, Kunst, Sprache, Religion oder Mentalität, in New York findet man aus nahezu jedem Land ein Stück Kultur. Durch zahlreiche Bekanntschaften und Gespräche mit Menschen aus aller Welt lernte ich somit nicht nur viel über Amerika und amerikanische Kultur sondern in gleichem Maße über diverse andere Länder, was meinen Horizont nachhaltig erweiterte. Allgemein sind die Menschen in der Stadt sehr offen und die Hürde, in ein Gespräch mit einem Fremden zu kommen, ist deutlich niedriger als ich es bisher in Deutschland erfahren hatte. Ich hatte bereits vor meiner Ankunft einige Kontakte zu Musikern in der Stadt knüpfen können, was mir meine Ankunft in dem neuen Umfeld sehr erleichterte. Besonders offen wurde ich von einem großen Kreis an israelischen Musikern aufgenommen, von denen die meisten durch ein Austausch-Programm zwischen dem Konservatorium in Tel Aviv und der „New School“ nach New York City gekommen waren. So konnte ich auch viele Freundschaften außerhalb des Studiums aufbauen und die Stadt von Freunden gezeigt bekommen die teilweise seit bis zu fünf Jahren in der Stadt wohnen und sich entsprechend gut auskennen.

Live bei der Hamburger Konzertreihe JazzLab (Foto: Leon Puschmann)

Ein weiterer extrem wichtiger Aspekt war für mich die Musik-Szene der Stadt zu erkunden und so probierte ich das reiche Konzertangebot so oft wie möglich zu nutzen. Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt an dem es so viele Jazz-Clubs und Jazz-Musiker gibt wie in New York City. Diese Musik jede Woche live und aus direkter Nähe erleben zu können bedeutete für mich eine enorme Inspiration, die mich noch lange begleiten wird und ich habe das Gefühl, mich als Musiker wahrscheinlich noch nie so intensiv und in so kurzer Zeit weiterentwickelt zu haben.

Insgesamt bin ich unbeschreiblich dankbar für die neun Monate, die ich bisher in New York City verbringen durfte, und diese Zeit hat mich auf persönlicher sowie auf professioneller Ebene enorm bereichert. Nun plane ich mein Studium in einem weiteren Studienjahr abzuschließen. Ich kann die New York University wärmstens empfehlen.



Noah Rott is a 2017/2018 Fulbright grantee of the Studienstipendien program and studies at the New York University to complete a Master of Music in Jazz Performance. He was born and raised in Hamburg, Germany. After studying a Bachelor of Music with the focus on Jazz Performance in Hamburg, he worked as a full-time freelance pianist. Noah Rott recorded seven albums with different projects and founded his own label „Jazzlab“ to release some of his own music, as well as promote fellow musicians. He performed as a pianist and keyboarder with several different bands and played concert tours in Europe, China, South Korea and Nepal. Since 2015 he hosted a concert series and presented national as well as international musicians with the intention to enthuse a younger audience with jazz. In 2016 he established the jazz festival „feel.jazz“.


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