May 07, 2019

Mein ewiges Fulbright Abenteuer

Von Benita Pungwe

Benita Pungwe, Studienstipendiatin mit Fulbright Germany2017/18

Vor vier Jahren habe ich mein erstes Stipendium der Fulbright Kommission erhalten für ein Kurzstudium in den USA. Damals ging es mit der Diversity Initiative nach Lexington an der University of Kentucky für ein 4-wöchiges Summer School Programm. Ich war unter 25 weiteren deutschen Stipendiaten mit Migrationshintergrund und gehörte meiner Meinung nach erstmals zu einer besonderen Auswahl an jungen Menschen, die von einem Komitee gewählt wurde, um Deutschland in Kentucky zu repräsentieren. Dieses Privileg als kulturelle Botschafterin zu agieren hat nicht nur mein Selbstbewusstsein gestärkt, sondern meine Sichtweise auf diese Welt prägend geändert. Ich habe zunächst erst zufällig von der Diversity Initiative erfahren, da eine Freundin, die zwei Jahre zuvor mit dem Programm in Kentucky war, das Fulbright Stipendium durch eine Google-Suche gefunden hat. Ihre Erfahrung am Summer Institute hat mich inspiriert, sodass ich es für mich selbst das Abenteuer wagen wollte. Außerdem war nach dem Abitur mein Wille groß mehr von der Welt zu sehen und zu entdecken. Die USA schien dafür ein Ziel weit genug zu sein, um mein Horizont zu erweitern und eine neue Kultur kennenzulernen, die ich nur aus dem Fernsehen und den Medien kannte.

Die wundervolle Erfahrung, die ich im Sommerstudium hatte, erweckte den Wunsch bei mir für einen längeren Zeitraum in den USA zu studieren. Aus diesem Grund habe ich meine Chancen gewagt und mich für das Jahresstipendium für Masterprogramme beworben. Dieses Mal ging es für mich alleine an der San Francisco State University, wo ich meinen Master in Internationale Beziehungen angefangen habe. Ich schätze das stimmt ein Stück weit, wenn man sagt „once a Fulbrighter, always a Fulbrighter“. Obwohl beide Programme in Ihrer Form und Länge unterschiedlich sind, habe ich ähnliche Erlebnisse und Erfahrungen gemacht.

Akademische Erlebnisse
Das Campusleben in den USA ist ein einzigartiges Erlebnis, das unvergleichbar ist zu dem Universitätsleben in Deutschland. Bereits in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes an der University of Kentucky ist mir die starke Verbindung der Studenten und der Gemeinde zu deren Universität aufgefallen. Anders als an deutschen akademischen Institutionen identifizieren sich Studenten und das Unipersonal mit Ihrer Universität. Dies war anfangs eine gewöhnungsbedürftige Situation, die aber spätestens nach dem ersten Footballspiel der Unimannschaft selbstverständlich wurde, als wir alle in den Unifarben zum Spiel gingen und „Go Cats!“ riefen.

Der lockere und informelle Umgang mit Professoren ist ein weiterer Aspekt, der mir neu war und etwas an dem ich mich erst gewöhnen musste. Die Tatsache, dass ich sie mit Vornamen ansprechen konnte und Studenten am Ende des Semesters zu Dinner Partys bei den Professoren zu Hause eingeladen wurden, hat zu einer angenehmen Atmosphäre geführt, die neben der akademischen Bindung auch eine Beziehung auf persönlichen Ebenen basierte. Dies machte meine Tätigkeit als Teaching Assistant (TA)/Lehrassistentin für eine Dozentin in Internationale Politische Ökonomie angenehmer, da sie mich wie eine gleichwertige Kollegin behandelt hat. Die Möglichkeit als Teaching Assistant für ein Semester arbeiten zu dürfen, war u.a. einer der größten Bereicherungen in meiner Zeit an der San Francisco State University. Zu meinen Hauptaufgaben gehörten die Vorbereitung der Vorlesungen und das korrigieren der Hausaufgaben. Darüberhinaus gab mir die Dozentin die Möglichkeit eine eigene Vorlesung zu halten, bei der ich eine Unterrichtsreihe über das Thema „demokratischer Sozialismus und Marxismus“ gehalten habe. Diese Herausforderung nahm ich gerne an, trotz meiner Befürchtung, dass das Thema bei den Studenten nicht positiv angenommen werden würde. Denn eine Besonderheit, die mir schon früh in meiner Zeit in den USA aufgefallen ist, war die größtenteils Ablehnung an allem was Sozialismus, Marxismus und Kommunismus beinhaltet. Dabei fällt mir die Argumentation einer US-amerikanischen Kommilitonin ein, die sozialistisch geprägt war, sie jedoch jegliche Anmerkungen, dass ihre Argumentation eine soziale Schiene annimmt abgelehnt hat, weil für sie ‚Sozialismus‘ eine negative Konnotation besitzt. Die Vorlesungsreihe war trotz allen Befürchtungen erfolgreich und für mich lehrreich im Austausch mit den Studierenden und ihre unterschiedlichen Ansichten.

Eine andere Besonderheit während meines Studienjahrs in den USA war Internationale Politik aus der US-Perspektive zu studieren. Klassendiskussionen und Kursmaterialen haben mich am meisten in meiner Weltansicht herausgefordert. In den verschiedenen Seminaren zur US-Politik bin ich den spannendsten Menschen begegnet, die unterschiedliche Hintergründe hatten und somit auch starke Meinungsverschiedenheiten. Nach zwei Semestern voller hitzigen Diskussionen über geopolitische Themen und zahlreiche Unterhaltungen mit US-amerikanischen Freunden, hat sich meine Perspektive auf viele Ebenen geändert. Zwar besitze ich noch die gleiche Stellung zu vielen sozialpolitischen Themen und Punkten wie vorher, aber ich kann sagen, dass ich gelernt habe von einer anderen Perspektive zu denken und die Argumente vom anderen politischen Spektrum in meinem Gedankenweg miteinbeziehe und dessen Wichtigkeit nicht ignoriere.

Benita Pungwe beim Wandern im Natural Bridge State Resort Park in Kentucky

Kulturelle Ereignisse
Etwas das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Gelassenheit und Coolness der US-Amerikanern. In Kentucky sowohl als auch in San Francisco wurde ich stets herzlich empfangen und mir wurde bei jeder Gelegenheit Hilfe angeboten und Handynummern wurden schnell ausgetauscht. Die automatische Akzeptanz für wer ich bin und meine Herkunft war ebenfalls eine neue Erfahrung. Meine Mitstipendiaten und ich haben uns öfters mit Staunen und Verwunderung ausgetauscht, dass die Amerikaner nach der Frage unseres Herkunftslandes mit unserer Antwort ‚Deutschland‘ nicht verblüfft oder überrascht waren, sondern diese selbstverständlich angenommen haben. Eine Reaktion, die wir zu Hause in Deutschland selten bekommen, da viele Deutsche immer noch ein homogenes Bild der Gesellschaft haben. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt meine deutsche Staatsangehörigkeit noch nicht besaß, wurde mir mein deutschsein anerkannt und nicht hinterfragt.

Die USA ist aufgrund ihrer Geschichte als großes Einwanderungsland bekannt ein kulturelles melting pot zu sein und somit ist es keine Seltenheit, dass Menschen aus verschiedenen Hintergründen und Kulturen zusammen auf einem Fleck leben. Umso erstaunlicher war einer der prägenden Eindrücke, die ich noch aus meiner Zeit an der University of Kentucky hatte. Ein Bild was noch präsent ist, ist die freiwillige Segregation der Studenten am Campus. In einer Ecke hatte man die Sportler, in einer anderen die Künstler; die Asiatischen Studenten, Afro-Amerikanern, weiße Studenten, Studenten mit lateinamerikanischen Wurzeln, die Muslime und dann noch die Christen – alle in verschiedenen Gruppen unterteilt. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass diese Art von Segregation mir nur in Kentucky aufgefallen ist und nicht in Kalifornien, wo ich für neun Monate gelebt habe. In Gesprächen mit Bekannten und Freunde in San Francisco darüber, wurde mir schnell klar, dass es innerhalb der USA große Unterschiede gibt diesbezüglich.

Mir war das Ausmaß an systematischem und institutionellem Rassismus in den Staaten nicht wirklich bewusst, bis ich in Lexington war und mich mit Afro-Amerikanern ausgetauscht habe. Es hat mir ein anderes Gefühl gegeben durch die Innenstadt von Lexington an Statuen vorbeizulaufen, die Sklaverei Befürworter darstellten und diese durch diese Monumente ehrten. Vor Ort zu sein und von Menschen direkt zu erfahren wie es tatsächlich ist in einer Gesellschaft zu leben, die einem auf täglicher Basis diskriminiert, ist eine einzigartige Erfahrung und Erlebnis, das ich nicht auf die leichte Schulter nehme. Der Grad an interkulturellen Austausch nimmt durch das Fulbright Programm enorm an Wert zu und ist für ein gegenseitiges Verständnis unabdingbar.

Ich musste binnen kürzester Zeit noch feststellen, dass mein Bild der USA stark von Medien und Fernsehen geprägt war, da ich mit naiven Vorstellungen hingereist bin. Ich war von der großen unübersehbaren Armut geschockt, die ich vor allem in der Innenstadt sah in Form von zahlreichen Obdachlosen, die das Stadtbild prägten. Für mich passte das Bild nicht in meiner Vorstellung der USA, die als Weltmacht und das fortgeschrittene Land der Welt bekannt ist. Offensichtlich war es auch, dass Menschen aus Niedriglohn Haushalten die einzigen waren die mit öffentlichen Verkehrsmitteln fuhren. Bereits in Kentucky war ich von der teilweise maroden Infrastruktur überrascht, da Schlaglöcher auf den Straßen keine Seltenheit waren. Das ist zum Beispiel etwas was die glamouröse Hollywood-Filmen nicht preisgeben. Ich wurde zuvor auch nicht von der schlechten Verbindung von öffentlichem Verkehrsmittel gewarnt und musste feststellen, dass Busse in Lexington keine festen Fahrzeiten haben. Da muss man sich an die Möglichkeiten vor Ort anpassen, sei es ‚Uber‘ oder ‚Lyft‘, die günstigen Fahrdienstvarianten. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich mich nicht an die Gewohnheiten von zu Hause verlassen sollte, sondern ich habe auf diese Weise gelernt mit den lokalen Gegebenheiten klar zu kommen und mich auf das System meines Gastlandes anzupassen, statt die Unterschiede beider Länder ständig in Vordergrund zu stellen und die Vor- und Nachteile zu gewichten.

Fazit
Das Fulbright Stipendium hat mir die Gelegenheit gegeben empathischer zu werden und Situationen besser zur urteilen, indem ich eine andere Perspektive einnehme. Meine Fulbright Erfahrung hat mir gelehrt immer einen Schritt zurückzugehen und die Perspektive zu wechseln bevor ich mir eine Meinung über jegliche Themen bilde. Der interkulturelle Austausch, der durch das Fulbright Programm vorangebracht wird ist meiner Erfahrung nach sehr effektiv für mich persönlich gewesen und hat ebenso einen positiven Eindruck bei den Leuten, die ich in den USA getroffen habe hinterlassen. Der Wille zum Reisen wurde bei den Bekannten aus Kentucky und San Francisco größer und viele haben sich für das Programm sehr interessiert. Zum Beispiel waren schon einige Bekannte aus Kentucky zu Besuch in Deutschland nach unserem vierwöchigen Aufenthalt.

Zuletzt habe ich aus meiner Zeit in den USA und aus meinem Fulbright-Abenteuer mitgenommen, dass das zurückgeben sehr wichtig ist. Ehrenamtliche Arbeit und der Gesellschaft zurückgeben wird in den USA sehr großgeschrieben und oft von wohlhabenderen Mitgliedern einer Gemeinschaft sogar erwartet. Die US-Amerikaner haben eine besondere Kultur der sozialen Verantwortung und ‚die Rückgabe an die Gemeinde‘. Während meines Kurzstudiums in Kentucky sowie mein Aufenthalt in San Francisco wurde mehrmals von Fulbright betont, dass wir uns sozial in unserer Gemeinde engagieren sollen. Ich habe bei beiden Programme jeweils an einem ‚Volunteering Day‘ teilgenommen, um der Gemeinde, die mich empfangen hat zurückzugeben. Dieses Konzept des Zurückgebens hat mich inspiriert auch während meines Aufenthaltes in San Francisco mich freiwillig in der Essensausgabe für Geringverdiener und Wohnungslosen zu engagieren. Es ist vielleicht mit das bemerkenswerteste was ich aus meiner Zeit aus den USA mitgenommen habe und für mich verinnerlicht habe. Das hängt meiner Meinung nach stark mit dem Identifizierungssinn der US-Amerikanern zusammen. Denn wenn man sich mit seiner Gemeinde oder Institution stark identifiziert, ist man umso bereiter in Zukunft noch das nötigste zu tun um die Gemeinde weiterzubringen.

Zurück in Deutschland habe ich mir vorgenommen mich in meiner lokalen Gemeinde mehr zu engagieren und meine Zeit Projekten zu widmen, die mir am Herzen liegen. Somit engagiere ich mich ehrenamtlich in der Arbeit mit örtlichen Migranten und helfe bei der Übersetzung oder jegliche Behördengängen. Das Fulbright Spirit, das ich in den Jahren entwickelt habe kann ich nutzen, um meine Umgebung zu inspirieren und zum positiven Wechsel beizutragen. Das zeigt mir besonderes, dass ich Teil von etwas Größerem bin als ich selbst und dass mein Fulbright-Abenteuer nicht mit dem Schluss des Programms endet, sondern durch meine Rolle in der Gesellschaft noch weitergeführt wird.

 

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