Nov 15, 2019

Historische Archäologie in Copper Country

Von Attila Dézsi

Die Monate vom Mai bis September 2019 im ruhigen Houghton waren für mich eine nachhaltig beeindruckende Zeit: Eine wundervolle Gelegenheit amerikanische Lebensweisen kennenzulernen und freundschaftliche wie wissenschaftliche Kontakte auszubauen.

Die Kleinstadt Houghton im umliegenden Copper Country, welches landschaftlich vom ehemaligen Kupferbergbau-Boom der 1880-1930er und dichten Wäldern geprägt ist, durfte ich eine Zeit lang Zuhause nennen. Die Michigan Technological University bot einen schönen Campus und stellte mir einen Arbeitsplatz im archäologischen Institut zur Verfügung. Durch die Spezialisierung des Instituts auf Historische Archäologie, welche in Deutschland noch wenig etabliert ist, konnte ich viele neue Perspektiven auf mein Studienfach der Archäologie gewinnen.

Die kleine Größe des Instituts ermöglichte ein häufiges Zusammenkommen und inspirierenden Austausch mit KollegInnen und der Gastgeberin Prof. LouAnn Wurst. Wöchentliche Diskussionen über aktuelle Artikel und Forschungsprojekte gaben mir eine Einsicht in die Arbeitsweisen und fachinternen Diskussionen der historischen Archäologie. Durch diesen Austausch konnte ich Fragestellungen meines Vorhabens schärfen und mein fachliches Selbstbewusstsein stärken.

Im Gegenzug konnte ich bei wissenschaftlichen Projekten mithelfen. Mit Prof. Wurst und Graduate students reiste ich zu Archiven und Fachvorträgen in Chicago, Lansing und Ann Arbor. Die Archivrecherche ermöglichte mir ein besseres Verständnis für die historische Anti-Atom Bewegung der USA. Ein Anliegen meines Aufenthaltes war es, kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung des nuklearen Erbes bzw. Vermächtnisses zu ermitteln.

Ein Highlight war mein Besuch von nuclear heritage sites in Nevada, Arizona und New Mexico, welche ich mit einer Reise entlang der historischen Route 66 verknüpfte. In diversen staatlichen wie privaten Museen in Las Vegas und Albuquerque konnte ich starke Gegensätze zu Deutschland im öffentlichen Narrativ und in der Repräsentation des nuclear heritage feststellen: In den USA sind Atomwaffen und die zivile Nutzung von Kernkraft stark mit Fortschritt und Patriotismus verknüpft. Negative Aspekte, gar Kritik, sind selten - Auswirkungen auf Landschaft und Gesellschaft werden nur beiläufig benannt und Pläne für das global ungelöste Problem der Endlagerung hochradioaktiver Abfallprodukte oder der aktuelle Rückzug vom INF-Vertrag werden in den besuchten Museen nicht thematisiert.

Im Kontrast dazu gewann ich ein anderes Bild bei einem Treffen und Interview mit einer Initiative der Western Shoshonen, der Nevada Desert Experience, in Nevada, welche jährlich einen Peace Walk in der Mohaje Desert gegen das Atombombentestgelände nahe Las Vegas veranstalten. Diese Einblicke in die politische Landschaft der USA machten für mich die kulturelle Signifikanz der deutschen Anti-Atombewegung deutlich, dessen entwickelte Kritik und Wahrnehmung in Deutschland einen anderen Stellenwert hat.

Verwirklichen konnte ich die in der Aufenthaltszeit anberaumte Auswertung von Interviews meines Promotionsvorhabens „Zeitgeschichtliche Archäologie des 20. Jahrhunderts an Orten des Protests. Kritische Archäologie und Community Archäologie der Freien Republik Wendland“. Durch die Expertise der KollegInnen konnte ich meine Transkripte codieren, auswerten und neue Impulse für die Auswertung meiner durchgeführten archäologischen Ausgrabung erhalten. Auch fand ich Zeit, erste Vorberichte meiner Promotion zu publizieren, welche ich im Winter 2020 abschließen möchte. Neben intensiven Arbeitsphasen luden die Trails in den umliegenden Wäldern zu erholsamen Wanderungen ein – auch wenn ich ab und zu vor dort gesichteten Bären gewarnt wurde. Houghton bot auch viele Orte der Erholung – den East Houghton Waterfront Park habe ich für Lesephasen ins Herz geschlossen.

Viele Gespräche mit Menschen außerhalb der Universität gewährten mir einen Einblick in die Alltagswelt in den USA. Dabei fielen mir nicht nur viele kulturelle Besonderheiten auf, sondern auch ein häufig thematisierter hoher finanzieller Druck, welcher gerade auf Studierenden und älteren Menschen lastet. Hohe Tuition, Arztkosten und Eigenverantwortlichkeit bringt viele Menschen dazu, mehrere Jobs neben dem Studium und im hohen Alter anzunehmen. Trotz der Distanz zu den nächsten Großstädten (8h Fahrt nach Chicago) sind die Mieten deutlich höher als in deutschen Großstädten. Viele der UPler haben jedoch einen lockeren Umgang mit dieser Situation gefunden und Netze der Nachbarschaftshilfe aufgebaut: sie unterstützen sich z.B. bei Einkäufen und gemeinsamer Gartenarbeit; auch ich wirkte bei der einen oder anderen Hilfestellung mit. Ich nahm Kontakt zu Fulbrightern an der MTU auf und besuchte Abendveranstaltungen. Am 20.09. demonstrierte ich auf der ikonischen Portage Lake Bridge mit Fridays For Future-AktivistInnen für den globalen Klimastreik.

Als Volontär half ich beim Passport In Time Programm des National Forest Service mit der Organisation einer öffentlichen Ausgrabung an einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager des 2. Weltkrieges für Deutsche nahe AuTrain. Durch das gemeinsame Forschen mit LaiInnen aus den USA im wunderschönen Hiawatha Forest konnten wir nicht nur viel Neues über den Alltag im historischen Lager, sondern auch viel über uns selbst lernen. Diese Form der Community Archäologie zur Vermittlung von kulturellem Erbe und Anliegen der Denkmalpflege ist ein fantastisches Format, welches ich gerne in Deutschland ausprobieren würde.

Im Zuge des Aufenthaltes haben sich auch Gelegenheiten des langfristigen wissenschaftlichen Austauschs ergeben. Im Januar 2020 organisiere ich mit Prof. Wurst eine Session auf der Jahrestagung der Society for Historical Archaeology. Die gemeinsame Zeit hat uns dazu inspiriert für Projekte zusammenzukommen - über meinem Aufenthalt hinaus sind positive Effekte und Gelegenheiten für zukünftige Kooperationen entstanden.

Attila Dézsi

Universität Hamburg
Betreuende: PD Dr. Natascha Mehler und Assoc. Prof. PhD Daniela Hofmann

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