Jan 27, 2022

Einmal Columbus und zurück

Grantee Experience (Doktorand:innen-Programm)

Victor van Buchem / Auf dem Campus (mirror lake)

Von Saskia Goldberg

Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich an ein neues Umfeld gewöhnen kann, selbst in den verrücktesten (Corona-) Zeiten. Dazu beigetragen hat nicht nur ein netter Empfang an meiner Gasthochschule, der Ohio State University (OSU), sondern auch die „Buckeye Brighters“ (das sind aktuelle und ehemalige Fulbrighter). Vom 01. Mai bis 31. Juli 2021 habe ich als Doktorandin am Department of Political Science geforscht. Obwohl die OSU aufgrund des summer term und der Corona-Pandemie die meiste Zeit einer ghost city glich und ich vom typischen on-campus flair wenig mitbekam, war mein Forschungsaufenthalt unheimlich bereichernd: nicht nur für meinen akademischen Weg, sondern auch, um Wertvolles über die USA und sich selbst zu lernen.

Favorite spot: Goodale Park

Als Politikwissenschaftlerin ist man nicht auf viel Hardware angewiesen – alles was ich brauchte, war ein Tisch und meinen Computer (der nach etwa der Hälfte der Stipendienlaufzeit den Geist aufgegeben hat. Es ist in Columbus gar nicht so einfach, ohne Auto auf die Schnelle an einen neuen PC zu kommen). Meine Arbeitsplätze variierten von Homeoffice, über Büro, zu Thompson Library. Bei gutem Wetter nutzte ich manchmal eine Parkbank im Goodale Park als office.

In meiner Dissertation beschäftige ich mich mit Legitimitätsperzeptionen der Bürger:innen bezüglich Bürgerforen. Eine große Herausforderung ist deren Unbekanntheit in der Gesellschaft, was valide und verlässliche Legitimitätsabschätzungen vor Herausforderungen stellt: Häufig laufen wir Gefahr, sogenannte „non-attitudes“ zu erfassen. Ein Fokus meiner Arbeit liegt daher auf der Information der Bürger:innen über solche deliberativen Beteiligungsmöglichkeiten.

Einen Teil meiner Zeit habe ich mit der Produktion eines Erklärvideos verbracht, das zeigt, was Bürgerforen sind, wie sie funktionieren und welche demokratischen Auswirkungen sie haben können. Darüber hinaus habe ich mich mit unterschiedlichen Fragen beschäftigt, die für die Umsetzung von Conjoint Experimenten in den USA essentiell sind. Dazu gehörten beispielsweise Erwartungen der U.S.-Bürger:innen an Beteiligung, oder der Stellenwert von Bürgerforen im politischen Entscheidungsprozess. Dazu zählten aber auch ganz praktische Fragen zur Umsetzung von Surveys: Wie müssen Fragen angemessen übersetzt werden, und welche Besonderheiten gilt es im U.S.-Kontext zu beachten? In diesem Zusammenhang habe ich einen U.S. pilot survey ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass manche Messungen im U.S.-Kontext schlechter funktionieren als in Deutschland, da Vignetten (Beschreibungen einzelner Bürgerforen) möglicherweise zu viel Information liefern. Da amerikanische Bürger:innen jedoch häufig ihr Mobiltelefon zum Ausfüllen solcher Umfragen nutzen, konnten die Informationen nicht effektiv verarbeitet werden. Das ist aus methodischer Sicht interessant und relevant. Darüber hinaus zeigte sich, dass besonders hervorstechende politische Themen ein größeres Interesse für die Teilnahme and Bürgerforen wecken, deren Legitimität jedoch durch andere Merkmale bestimmt wird. Das kann darauf hindeuten, dass die Teilnahme und die wahrgenommene Legitimität gemeinsam maximiert werden können. Aus diesen Ergebnissen haben sich Überlegungen darüber ergeben, wie wahrgenommene Legitimität besser gemessen werden kann (und muss). Die Überlegungen sind in den finalen Survey miteingeflossen, der im Herbst 2021 ins Feld geht. Die Ergebnisse werden Teil internationaler Publikationen in hochrangigen politikwissenschaftlichen Zeitschriften in Ko-Autorenschaft mit meinen Betreuern an der OSU (Prof. Michael Neblo) und an der Universität Stuttgart (Prof. André Bächtiger).

Ein bisschen „Winkelgasse“: Book loft im German Village von Columbus

Die Zusammenarbeit mit Michael Neblo war unglaublich bereichernd. Er hat sich umfassend Zeit für mich genommen und, wo es ging, in Projekte einbezogen (z.B. das IDEA – Inclusion, Diversity and Equity Advocates --Team Meeting). Neben in-person Treffen in Columbus haben wir uns wöchentlich über Zoom ausgetauscht und über meine Dissertation und Perspektiven in der Wissenschaft gesprochen. In den USA gibt es mit dem Tenure-Track (bessere) Perspektiven für den akademischen Bereich. Dank meiner Fulbright-Erfahrung kann ich mir vorstellen, mich auf Postdoc Stellen in den USA zu bewerben. Gleitzeitig kann die Wissenschaft ein echt hartes und kompetitives Pflaster sein. Ob man diese „academic route“ letztlich weiterverfolgt, liegt im Wesentlichen an drei Dingen: Wie gut ist man, was traut man sich selbst zu und wie weit möchte man gehen. Bezüglich solcher Fragen waren mein Gastprofessor und die PhD-Kolleg:innen wirklich tolle Ansprechpartner:innen. „Grab a coffee and discuss“ wurde zu der Aktivität schlechthin (by the way, der Kaffee in Columbus ist der Wahnsinn!)

Das Leben in Columbus war zugleich spannend und gesellig. Besonders imponiert hat mir die Offenheit der Menschen und die Diversität, die sich nicht nur in den unterschiedlichsten districts wiederspiegelte (es gibt sogar ein „German Village“), sondern vor allem auch in progressiven Bewegungen wie Black Lives Matter oder der LGBTQ Community.

Wiedersehen nach 20 Jahren

Außerdem hatte ich das Glück, den „Juneteenth“ (Gedenktag zur Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung, der im Jahr 2021 zum Federal Holiday deklariert wurde) und den „Independence Day“ zu erleben. Erschreckt haben mich Schießereien, die beinahe täglich zu vermelden (und zum Teil zu hören) waren. Zum Abschluss möchte ich noch von einer ganz besonderen Überraschung berichten, die ohne Fulbright niemals passiert wäre. Nach über 20 Jahren habe ich in Tennessee die Familie einer Kindergartenfreundin wiedergesehen. Das war einmalig und bleibt unvergessen (ebenso wie die kuriose Greyhound Busfahrt dorthin).

Go back