Aug 27, 2020

Community, Erdbeben & Corona: Promovieren im Ausland (2020 Edition)

Grantee Experience (Doktorandenstipendium)

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Manche Dinge kann es nur in 2020 geben. Für Fulbright Germany Doktorandenstipendiatin Lisa Wiesent war ihre Promotion im Ausland an der University of Utah nicht nur durch eine unglaubliche Community und ein neues internationales Netzwerk geprägt, sondern auch durch neue Herausforderungen, die nur 2020 liefern konnte. Lese mehr über ihre Erfahrungen in den USA in 2020 und ihr Promotionsstipendium in ihren eigenen Worten hier.

So einfach kann der Auslandsaufenthalt beginnen

Ich hatte das große Glück im Rahmen meiner Promotion einen Auslandsaufenthalt an der „U“ (der Universität of Utah) in Salt Lake City durchzuführen. Durch die tatkräftige Unterstützung des Fulbright-Stipendiums verlief die Organisation des Visums und die Buchung des Flugs nach Amerika ohne jegliche Probleme. Kurz nach Jahreswechsel saß ich dann auch schon im Flieger nach Salt Lake City. Die Stadt hat, umgeben von dem Salzsee und den Bergen der Wasatchkette, wirklich eine atemberaubende Lage. So hatte ich immer, wenn ich meine Wohnung oder die Uni verließ, einen wunderschönen Blick auf die Berge.

Das Leben und Arbeiten an der „U“

Während meines Aufenthalts arbeitete ich im Multiscale Mechanics & Materials Lab an der Fakultät Maschinenbau zusammen mit 15 anderen Doktorand*innen und Masterstudent*innen. Im Gegensatz zu unserem Labor in Deutschland war die Zusammensetzung der Gruppe sehr multikulturell. Hier waren Inder, Chinesen, eine Jordanierin, mit mir eine Deutsche und natürliche einige Amerikaner vertreten. Vor allem um die Mittagszeit wurde einem die multikulturelle Zusammensetzung sehr bewusst.

Anders als an meiner deutschen Hochschule gab es hier keine Mensa, sondern vielmehr (recht teure) Essensstände und Foodtrucks über den Campus verteilt. Dementsprechend nahm sich eigentlich immer jeder Essen von zu Hause mit und wärmte dieses dann in der Labor-eigenen Mikrowelle auf. Dementsprechend duftete es dann nach indischen Curry, chinesischem Stir-Fry, Mac and Cheese und Pie.

Interesse in den USA zu forschen? Lerne mehr hier!

Lass’ uns im Labor treffen!

So wie das Essen waren auch die Interessen der Labormitglieder sehr unterschiedlich, von Outdoorsportarten wie Mountainbiken, Snowboarden, Klettern, Canyoneering, über Politik, Computerspielen und Shoppen war alles vertreten. Anders als in Deutschland stellt das Labor in Amerika auch eine Art soziales Zentrum dar. Anders als in Deutschland, wo wir um 7 Uhr zu arbeiten beginnen und dann gegen 5 Uhr nach Hause gehen, waren die Arbeitszeiten in Amerika von frühestens 9 oder eher 10 Uhr bis X (z.T. saßen manche noch bis Mitternacht im Labor).

Man muss aber hier auch dazu sagen, dass dann nicht durchgehend gearbeitet wurde. Wir saßen auch in der Sitzecke zusammen und es brachen Grundsatzdiskussion aus, wie z.B. warum dürfen Mädchen nicht zu den Pfadfindern, der Sinn/Unsinn einer gesetzlichen Krankenversicherung und Studiengebühren und auch politische Diskussion, die den aktuellen Wahlkampf betrafen. Es war wirklich interessant dort die unterschiedlichen Meinungen zu erfahren, die sich z.T. sehr unterschieden.

Gastfreundschaft und Freundlichkeit wird groß geschrieben

Was mich wirklich in Salt Lake City richtig positiv überrascht hat, war die wahnsinnige Freundlichkeit der Menschen. Ich bin oft zu Fuß zur Uni gelaufen und auf dem Weg dorthin wurde ich von wild fremden Menschen gegrüßt, führte small talk über das Wetter oder bekam beim Lebensmitteleinkaufen Komplimente für meinen Rucksack. Das war wirklich sehr schön und mal fühlte sich so auch immer gut aufgehoben und willkommen.

Fulbright Doktorandenstipendiatin Lisa Wiesent beim Wandern in Utah.

Utah – ein Outdoor-Paradies!

Ich bin selbst begeisterte Outdoorsportlerin und hatte das große Glück bereits in meiner ersten Woche durch meine Hobbies gut Anschluss zu finden. Und ehe ich mich versah saß ich bereits an meinem zweiten Wochenende zusammen mit einem anderen Doktoranden in einem Pickup auf dem Weg zum Zion Nationalpark. An diesem Wochenende kletterte ich meine erste Tour in Amerika, wanderte zu Angels Landing und aß meinen ersten amerikanischen Burger in einem Diner. Im Nachhinein war der spektakuläre Ausblick von Angels Landing für mich eines der Highlights während meines Aufenthalts. Später folgten dann noch Ausflüge in die Red Rocks bei Las Vegas und ein Mountainbike Trip nach St. George, und ein Wander-/Canyoneering Trip zum Little White Horse Canyon. Utah ist wirklich ein Traum was Outdoorsport angeht! Es lief wirklich alles wie am Schnürchen, und dann kam Corona.

Corona und Erdbeben – ein unerwartete und bizarre Wendung

Ich denke niemand hätte im Januar gedacht, dass sich Corona zu einer derartigen Pandemie entwickeln würde. In unserem Labor hatten wir zudem noch die außergewöhnliche Situation: Kurz bevor Corona in Wuhan ausbrach, reiste eine unserer chinesischen Doktorandinnen für ihre Hochzeit nach China und kam einen Tag bevor die amerikanischen Grenzen für die Einreisen aus China geschlossen wurde, zurück nach Utah. Es war wirklich seltsam zu beobachten, wie sämtliche andere Labormitglieder selbst nach ihrer 4-wöchiger Quarantäne (also sogar 2 Wochen länger, als die offiziellen Vorschriften), noch sehr distanziert mit ihr waren. Es dauerte dann aber auch nicht mehr lange bis wir alle ins Homeoffice verlagert wurden und angewiesen wurden social distancing zu halten.

“Sagen wir mal so, das war ein ziemlich wackeliges Frühstück und ein ziemlicher Schock”

Kurz darauf fing dann in ganz Amerika das Panikshoppen (von vor allem Klopapier, Desinfektionsmittel, abgefülltes Wasser, und Waffen) an. Es war wirklich eine bizarre Situation. Ich war wirklich sehr froh und dankbar für meine Mitstudenten, die sich dann auch während dieser Zeit ständig bei mir erkundigten und versuchten mir den Auslandsaufenthalt dennoch weiterhin schön zu gestalten. Später kamen dann noch die globalen Reisewarnungen und ich musste meinen USA Aufenthalt dann doch um ca. 2 Monate verkürzen. Als wäre das nicht schon genug gewesen, ereignete sich dann in meiner letzten Woche in Salt Lake City noch ein Erdbeben der Stärke 5,7 im Großraum Salt Lake City…. Sagen wir mal so, das war ein ziemlich wackeliges Frühstück und ein ziemlicher Schock, aber ansonsten ist zum Glück nichts Weiteres passiert. Hierbei möchte ich mich aber noch einmal herzlich bei Fulbright bedanken, welche sich in dieser chaotischen Zeit sehr um mich gekümmert, und sich auch sehr oft nach meinem Wohlergehen erkundigt haben.

Traut euch!

Zusammenfassend kann man sagen, dass es wirklich in allen Aspekten eine außergewöhnliche Zeit war! Auch wenn das Ende ein wenig holprig war, werde ich die Zeit in Amerika wirklich immer positiv in Erinnerung behalten. Ich habe so viele nette Leute kennengelernt, gute Erfahrungen für meine Doktorarbeit sammeln und mir auch ein tolles internationales Netzwerk aufbauen können, von dem ich wahrscheinlich mein ganzes Leben profitieren werde. Von daher kann ich jeden nur empfehlen, den Schritt zu wagen und einen Auslandsaufenthalt in Amerika durchzuführen. Traut euch, selbst wenn es so chaotisch und bizarr endet, wie bei mir, die Erfahrung und Begegnungen, die ihr machen werdet, kann euch keiner nehmen!

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