Sep 29, 2017

Am Anfang stand Fulbright

Von Professor Reinhard Lipperheide

Die Bewerbung

Als ich an der Technischen Universität Berlin noch mit meinem Vordiplom beschäftigt war, las ich einen Anschlag, der auf ein Fulbright-Stipendium für einen Jahresaufenthalt 1954/55 an einer amerikanischen Universität aufmerksam machte. Das passte hervorragend in meine Zukunftspläne, und so schickte ich die geforderten Bewerbungsunterlagen ein, ohne jedoch große Hoffnungen auf einen Erfolg zu hegen. Aber es klappte, und ging dabei völlig problemlos vonstatten! Ein Interview (oder zwei?) mit einer deutsch-amerikanischen Kommission im Berliner US-Hauptquartier in der Clayallee, Empfehlungen von zwei Professoren und zwei weiteren Persönlichkeiten, und fast zügig kam die Zusage, handschriftlich unterzeichnet vom US-Hochkommissar James B. Conant (wohl eher von einem Gerät, das ihm die Mühe abnahm). So weit ich weiß, waren wir gerade zwei Berliner, von der FU und der TU, beide Physikstudenten, und beide wurden wir an die Universität von Kalifornien geschickt, der eine nach Berkeley (UCB), und ich nach Los Angeles (UCLA). Wir sollten später darum beneidet werden, und das ganze kam mir in der Tat etwas ungewöhnlich vor; ich hätte gern gewusst, wieviele Bewerber es eigentlich in Berlin gab, und überhaupt, woher kamen die anderen etwa 200 deutschen Stipendiaten, und wurden sie dann vielleicht gleichmäßig über die USA verteilt?

Orientierungkurs in Bad Honnef

Anfang Juli 1954 flog ich von Tempelhof ab um an einem mehrtägigen Orientierungskurs für etwa 40 Stipendiaten in Bad Honnef teilzunehmen.  Wir lernten einander kennen, und vor allem aber erfuhren wir was uns demnächst alles bevorstehen würde. Allerdings blieb mir von dieser äusserst wohltuenden und erkenntnisreichen Woche nur die Erinnerung an zwei bemerkenswerte Personen hängen: an den sehr rührigen Kursleiter Heinrich Pfeiffer, und an den eingeladenen flotten Harvard-Studenten, der uns in das amerikanische Studentenleben einführte, und der uns erzählte, dass in dem seinigen Orientierungskurs eine Miss Fulbright gewählt worden sei mit der Maßgabe „she must be full and she must be bright“.

Herr Pfeiffer (2.v.l.) verabschiedet uns am Bonner Hauptbahnhof

Außerdem verriet er uns, dass man für eine Fahrt mit der New Yorker U-Bahn statt des geforderten 15ct-tokens ebenso gut einen Pfennig benutzen konnte (ich habe den Test gemacht,-- aber bitte, einmal nur!). Das flog später auf, und der token bekam ein Loch in der Mitte. Herr Pfeiffer brachte uns zum Abschluss des Kurses an den Nachtzug nach Genua, wo wir uns am nächsten Morgen auf der SS Constitution nach New York einschifften.

New York

Nach Stopps vor Cannes und Gibraltar verbrachten wir insgesamt zehn sonnige und erholsame Tage auf ruhiger See, und kamen schließlich eines Morgens am Ziel an. Es war neblig, und das sehnlichst erwartete Erlebnis, die Freiheitsstatue und die New Yorker Skyline zu erspähen, blieb uns verwehrt. Dazu war es heiß und schwül. Aber es wurde gleich spannend. Der Taxifahrer der einige von uns ins Hotel fuhr, bot uns nach kurzer Unterhaltung spontan eine kostenlose Rundfahrt am Abend an. Bis dahin war der Nebel weg, die Schwüle war vergessen, und bei der Tour längs Broadway, Fifth Avenue, Wall Street,  Brooklyn Bridge und Tunnel bekamen wir die Stadt in vollem Glitzer zu erfahren. Wir blieben fast zwei Wochen in New York, und wurden dabei in jeder Hinsicht vollendet vom Institute of International Education betreut: ein Wochenende auf einem Landsitz auf Long Island, ein Musical am Broadway (ich hatte mir von dem Abend etwas glamouröses erhofft,-- aber das Stück lief offenbar schon jahrelang, und statt schickem Publikum aus Manhattan war nur finstere Provinz um uns herum), Museen, und anderes mehr. Wir gingen auch zu zweit auf eigene Faust los, und trafen zufällig auf dem Campus von Columbia einen jungen Deutsch sprechenden Dozenten, der es sich nicht nehmen ließ uns am Abend nach Harlem in eine Jazz-Bar zu führen, wo man uns lautstark begrüßte, und wir bei freien Drinks fröhlich in die allgemeine Tanzerei einbezogen wurden. Die Musik dazu lieferten verschiedene Bands, die sich von der Straße her nacheinander ablösten.

Bei Familie Stuelpnagel in Yankton, South Dakota

In einer Gruppe von zehn deutschen Stipendiaten ging es schließlich  per Schlafwagen nach Yankton, South Dakota. Hier wurden wir für einen Monat einzeln bei verschiedenen Familien untergebracht, was ich als besondere Bevorzugung gegenüber den von anderen Gruppen besuchten Orientierungskursen innerhalb verschiedener Colleges empfand. Ich wohnte bei Familie Stuelpnagel, deren Ahnherr sich vor langer Zeit als schwarzes Schaf, nämlich Pfarrer, in der bekannten Generalsfamilie von Stülpnagel nach Amerika abgesetzt hatte. Wir wurden in der Stadt herumgereicht, wir erschienen auf TV, und es gab Ausflüge in die badlands, nach Mt. Rushmore, und so weiter. Aber das wichtigste war doch das enge Zusammenleben mit der Familie, die nicht Deutsch sprachen, sodass ich nach einem Monat so viel Gebrauchs-Englisch mitbekommen hatte, dass ich an der UCLA ein paar Wochen später sofort in die Vorlesungen einsteigen konnte ohne nebenher noch Englischkurse nehmen zu müssen. Ich bin noch viele Jahre in Kontakt mit den Stuelpnagels geblieben, sie haben mich später auch in Berlin besucht. Mr. Stuelpnagel war inzwischen state senator geworden.

Familie Stuelpnagel und ihr Gast (2.v.l.)

Mr. Stuelpnagel betrieb ein Eierversand-Geschäft, und schickte regelmäßig Eier aus dem Mittleren Westen auf riesigen Sattelschleppern nach Kalifornien. Einer davon hat mich dann mitgenommen, und als ich nach drei Tagen am späten Morgen in meiner Koje hinter den beiden Fahrern aufwachte und nach vorn blickte, sah ich vor uns eine breite, vielspurige Straße, die sich irgendwie im Dunst verlor, darauf Unmengen von Autos, rechts und links flache Häuser. Where are we?--- In Los Angeles! Already for half an hour!  kam es zurück. Alles grau, keine Sonne zu sehen. Das war der berüchtigte smog, der dem Ruf von Los Angeles schon seit Jahren anhing. Die Ausdehnung von Los Angeles ist gewaltig,--wir fuhren durch die östlichen Vororte; näher zur Küste, wo sich die UCLA befand, war der smog ganz erträglich, aber auch dort war die Sonne oft nur schemenhaft zu erkennen. An irgendeiner Lagerhalle wurde ich abgesetzt, hier empfingen mich Frieda Schroeder, eine Cousine von Mr. Stuelpnagel, und ihr Mann Carl, die in ihrem „Frieda's Cake Shop“ am Wilshire Boulevard Filmstars und anderen Leuten ihre wuchtigen Hochzeits- und Geburtstagstorten verkauften. In ihrem schönen Haus in Beverly Hills kam ich für ein paar Tage unter.

Studium an der UCLA

Das einjährige Fulbright-Stipendium  war so angelegt dass ich Vorlesungen am graduate college belegen konnte, die damit verbundenen Klausuren erfolgreich abschloss, und am Ende des akademischen Jahres den Master of Arts, M.A., in Physics erwerben konnte. Ich nahm an experimentellen und theoretischen Physikkursen und einer  Mathematikvorlesung teil. Nach Abschluss der Quantenmechanikvorlesung von Professor David S. Saxon fragte mich dieser, ob ich nicht nach dem M.A. weiter an der UCLA bleiben möchte, um bei ihm an Problemen der theoretischen Kernphysik zu arbeiten, mit dem Ziel auch noch den Ph.D. zu erwerben. Diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen, zumal mir  der Stil von Dr. Saxon vom ersten Augenblick an besonders zusagte, sowohl sein persönlicher Stil als auch seine Art Physik in Lehre und Forschung  zu betreiben. So verlängerte ich meinen Aufenthalt in den USA über das für das Fulbright-Stipendium vorgesehene Jahr hinaus. Dr. Saxon führte mich an der langen Leine, ließ mir die Möglichkeit mich auch bei anderen Kollegen  weiterzubilden, und selbst begleitete er meine Arbeiten in wöchentlichen mehrstündigen fast kollegialen Gesprächen,-- im Gegensatz zu manchen anderen Professoren, die ihre Doktoranden  mit  einer Art Zubringerdienst für ihre eigenen Forschungen beschäftigten. Ich konnte ihn auch verschiedene Male in seinen Vorlesungen vertreten.  Mein Thema suchte ich mir selbst aus; unter seiner Obhut habe ich schließlich meine Ph.D.thesis geschrieben, die ich in alleiniger Autorschaft in fast vollem Umfang in den Annals of Physics veröffentlichen konnte. Hiermit war mein Aufenthalt  in den USA offiziell beendet. Dr. Saxon vermittelte mir ein Ford Foundation Fellowship am Institut für theoretische Physik der Universität Kopenhagen (jetzt Niels-Bohr-Institut), danach folgte Heidelberg, und schließlich wieder Berlin, wo ich am damaligen Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung (jetzt Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie) meine endgültige Wirkungsstätte fand. Dr. Saxon wurde in späteren Jahren Präsident der gesamten Universität von Kalifornien, und danach chairman of the corporation am MIT. In dieser Eigenschaft kam er  auch nach Berlin zu einem Besuch der Technischen Universität Berlin, der Partnerin des MIT. Da habe ich ihn wieder getroffen, und auch später noch. Er hat meinen beruflichen Werdegang vorgezeichnet und gefördert, und ich denke voller Zuneigung und Dankbarkeit an ihn zurück.

Royce Hall, das Wahrzeichen der UCLA
Acacia

Als ich mich nach meiner Ankunft an der UCLA  beim foreign student adviser vorstellte, hatte dieser einen sympathischen jungen Studenten bei sich, der mir anbot in seiner fraternity neben dem Campus zu wohnen. Dies war eine großartige Chance, um mich gründlich in Amerika einzuleben, sodass ich  das Angebot sofort annahm. Es handelte sich um eine der Greek letter fraternities, wie es sie damals an den meisten Universitäten gab, so auch die entsprechenden sororities. Allerdings war an dieser das besondere dass sie einen freimaurerischen Hintergrund hatte und ihr Name Acacia war, also ausnahmsweise nicht aus griechischen Buchstaben bestand. Die etwa 40 Studenten im Hause waren undergraduates und etwas jünger als ich, aber ich wurde als einer der ihren aufgenommen, erst als pledge, dann, nach einer einwöchigen initiation am Ende des Semesters, als active. Diese initiation hatte einen leicht freimaurerischen Anstrich, und der letzte Akt fand sogar in einem Freimaurertempel statt, zu welchem man mit verbundenen Augen hingeschafft wurde. Ich nahm an allen Aktivitäten der fraternity teil, dem rooting bei football matches, den dances, den datings, dem Spring Sing in der Hollywood Bowl, und vielem mehr. Später zog ich mich davon zurück. Ich bekam ein Einzelzimmer und blieb als border weiterhin im Haus, womit ich mir von da an ein bequemes, ungestörtes Leben bei Kost und Logis in einem freundschaftlichen Umfeld erworben hatte. Ein Jahr lang gab es in Acacia noch einen weiteren ausländischen graduate student, John Garrett, ein King-GeorgeV-Stipendiat aus Oxford, der später MP für die Labour Party wurde und mir ein lebenslanger Freund blieb.

Leben in Los Angeles

Nachdem mein Fulbright-Stipendium ($150 im Monat) ausgelaufen war, konnte ich die Ausgaben für meinen weiteren Aufenthalt durch UCLA-Stipendien, Assistentenjobs und Übersetzungen bestreiten. Die niedrigen Lebenshaltungskosten in Acacia trugen dazu bei dass ich  finanziell relativ gut da stand. Ich hatte genug übrig für zwei Reisen nach Deutschland zu meiner Familie, und für ausgedehnte Touren nach Mexiko, Kuba sowie an die Ostküste der USA, im  Auto mit Freunden oder als Mitfahrer per Annonce im UCLA Studentenblatt. Mein eigener klappriger 47er Plymouth kam über Kalifornien nicht hinaus.

Adenauer trifft sich mit deutschen Studenten

Aber auch an der UCLA selbst wurde einem allerhand geboten. Es gab fast professionelle Theateraufführungen, Konzerte des Universitätsorchesters unter Leitung von Lukas Foss, dem späteren Dirigenten des Jerusalem Symphony Orchestra, und auch einen Auftritt von Igor Strawinsky zu seinem 75. Geburtstag. Prominente Redner gaben sich die Ehre, Kennedy noch als  Kandidat (er zitierte Bismarck), Truman, Kerensky, Trotzkis Sekretärin, und schließlich, zum Charter Day im März 1960,  Adenauer, der zusammen mit Jascha Heifetz den Ehrendoktor verliehen bekam.  An der Spitze der feierlichen Prozession der Professoren schritten sie nebeneinander voran in ihren Talaren, der eine groß, der andere klein, beide mit der ihnen eigenen steinernen Miene.  Adenauer hat anschließend im Hotel im kleinen Kreis mit uns deutschen Studenten ein paar Worte gewechselt; er bewegte sich auf uns zu einer Statue gleich, umschwirrt von seinen Bodyguards.

Los Angeles als bald zweitgrößte Stadt der USA kam in den Fünfzigern allmählich auch kulturell in Schwung. Es hatte zwar noch keine eigene Oper, als Ersatz kam jährlich für sechs Wochen die San Francisco Opera Company in das dafür behelfsmäßig hergerichtete 6000 Personen fassende Shrine Auditorium, bei welcher Gelegenheit ich sogar zweimal als Statist auftreten konnte. Auch die New Yorker Philharmoniker und die Berliner mit Karajan mussten mit diesem klotzigen Mehrzwecksaal vorlieb nehmen. Aber der Konzertsaal von Frank Gehry, das Opernhaus und das Getty Museum waren im Kommen. Zudem gab es mehrere kleinere Theater in denen, bedingt durch die Nähe Hollywoods, viele gute Schauspieler auftraten und die ich gern besuchte; einmal saß ich neben dem halbblinden Aldous Huxley! Gute Jazz-Bars und Restaurants waren selbstverständlich. Und dazu noch die ewige, wenn auch etwas verhangene Sonne, und die Strände des Pazifiks nur ein paar Meilen entfernt.

Rückblick

In dem Maße wie meine amerikanischen Jahre immer weiter in die Vergangenheit rücken scheinen sie mir auch mehr und mehr ins Reich des Phantastischen zu entschwinden. Für mich, der ich den Einmarsch der Roten Armee, danach die Sowjetzone und das zertrümmerte Berlin noch in den Knochen hatte, war das bewunderte freie, reiche, schöne Amerika, und speziell das ferne Kalifornien, eine verklärte Traumvorstellung,-- die dann Wirklichkeit wurde.

Professor Reinhard Lipperheide

Der Campus der UCLA  liegt im schönsten Teil von Los Angeles, in Westwood, zwischen Beverly Hills und Santa Monica, er grenzt an den sehnsüchteweckenden Sunset Boulevard der noch über viele kurvenreiche Meilen hinweg schließlich bei Pacific Palisades am Ozean endet. Downtown, wo die Mexikaner und Chinesen lebten, sowie die armen Vororte habe ich kaum gesehen. Amerika stand strahlend da, der Koreakrieg und McCarthy waren ausgestanden, die Morde an den Kennedys und an Martin Luther King, Vietnam, die Studentenrevolten (auch UCLA war heftig betroffen, Angela Davis), all das war noch nicht zu erahnen. In diesem Land hatte sich damals für mich alles so wunderbar ineinandergefügt dass ich mich manchmal frage, welcher gute Geist wohl dahinter stand? Aber eins ist mir klar: am Anfang stand Fulbright.



Reinhard Lipperheide wurde 1932 in Berlin geboren. 1949 begann er sein Studium an der Technischen Universität Berlin. Er war Fulbright-Stipendiat 1954/55 an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA). Dort verlängerte er seinen Aufenthalt bis 1961 und schloss mit dem Ph.D. im Fach Physik ab. 1961/63 war er Ford Foundation Fellow am Institut für theoretische Physik der Universität Kopenhagen (jetzt Niels-Bohr-Institut), darauf 1963/65 wissenschaftlicher Assistent an der Universität Heidelberg. 1965 ging er an das Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung Berlin (jetzt Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie) und wurde  Abteilungsleiter im Bereich Theoretische Physik und Professor im Fachbereich Physik an der Freien Universität Berlin. Er verbrachte Sabbaticals in Berkeley, Oxford und Paris.

 

 

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