May 14, 2021

“Die Entdeckung gemeinsamer Werte”: David Gill (Consul Series)

Ein Aufenthalt im Ausland kann den weiteren Lebensweg prägen. So war es auch bei David Gill. Für den deutschen Generalkonsul in New York wurde ein Praktikum in Washington D.C. zum Auslöser, sich für internationale Verständigung einzusetzen und den deutsch-amerikanischen Austausch voranzubringen. Lesen Sie mehr über seinen Weg ins Generalkonsulat in New York und seine Sicht auf den internationalen Austausch in diesem Interview!

David studierte Jura an der Freien Universität Berlin und an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Seitdem war er in vielen Positionen für die deutsche Regierung im In- und Ausland tätig. Lesen Sie hier mehr über ihn.

Hi David. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch nehmen. Erzählen Sie uns ein wenig von sich selbst. Wie haben internationaler Austausch und Bildung Ihr Leben beeinflusst?

Bis zu meinem 24. Lebensjahr konnte ich von einem wirklichen internationalen Austausch oder einem Studium im Ausland nur träumen. Die Grenzen der DDR, in der ich aufwuchs, zumal die zum Westen, waren undurchlässig. Der freie internationale Austausch wurde unterbunden, nicht gefördert. Umso größer war meine Sehnsucht nach der Welt. Und ich war dankbar, dass es zumindest in meinem kirchlichen Umfeld Besuche aus dem Ausland gab.

Nach dem Fall der Berliner Mauer haben erste, kurzzeitige Austauschprogramme, wie beispielsweise eine Reise mit dem German Marshall Fund 1991 oder die Teilnahme am Harvard German Workshop 1992, meinen Blick geweitet und auf die USA gerichtet. Die transatlantischen Beziehungen ließen mich danach nicht mehr los. Dank eines großzügigen Stipendiums konnte ich von 1997 bis 1998 an der University of Pennsylvania in Philadelphia studieren und anschließend ein dreimonatiges Praktikum bei einem Kongress-Abgeordneten in Washington absolvieren. Es waren diese Erfahrungen, die nicht zuletzt dazu führten, dass ich heute als Generalkonsul in New York tätig bin. Im Rahmen meiner Arbeit kann ich stets auf ein verlässliches Netzwerk zurückgreifen, das ich in eben diesen ersten Jahren, d.h. lange vor meinem Dienstantritt, zu knüpfen begonnen habe.

Welche Aspekte Ihres Lebens auf der anderen Seite des Atlantiks sind für Sie besonders lohnend, und was betrachten Sie als besondere Herausforderung?

Wie immer im Leben besteht die größte Herausforderung darin, in der Vielfalt das Wesentliche zu erkennen. Im Konkreten bestand die Herausforderung der letzten Jahre vor allem darin, die durch den unilateralen Ansatz der vorherigen Administration geöffneten Leerstellen zu füllen. Es galt, die Brücken über den Atlantik jenseits der (Bundes)Politik aufrecht zu erhalten, die transatlantische Verbindung nicht abbrechen zu lassen, und als verlässlicher Ansprechpartner für all diejenigen da zu sein, die sich weiterhin für die Pflege und Fortführung der gewachsenen deutsch-amerikanischen Beziehungen einsetzen wollten. Und das war zugleich auch der lohnendste Aspekt.

Deutschland und die USA verbindet ein beispiellos dichtes Geflecht aus Begegnung, Kooperation und Austausch. Es besteht so viel Interesse an Deutschland, in Wissenschaft und Wirtschaft, der Kultur oder in der Zivilgesellschaft wie auch bei den „ganz normalen“ Amerikanerinnen und Amerikanern. Und es begegnet mir viel Sympathie gegenüber meinem Heimatland.

Vor allem mit Schülerinnen und Schülern wie auch Studierenden komme ich – nicht zuletzt, wenn ich über meine Erfahrungen als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener in der DDR erzähle – häufig ins Gespräch über die Fundamente unserer freien und offenen Gesellschaften, also Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, freie Wahlen, die Freiheit der Presse, Religions- und Meinungsfreiheit, und welche Relevanz diese für unser Zusammenleben haben. Die Entdeckung dieser gemeinsamen Werte ist immer lohnenswert.

Was ist Ihre eindrücklichste Erfahrung in Sachen kultureller Verständigung?

Wie viele gemeinsame Wurzeln es gibt. Ein Beispiel sind die deutschen Vereine hier im Land. Sie muten manchmal vielleicht etwas folkloristisch und altbacken an. Allerdings verkörpern sie weit mehr von auch heute noch gelebter Gemeinsamkeit, als viele denken. Diese Vereine sind eine wichtige Brücke in die gegenwärtige Heimat ihrer Vorfahren.

Die Amerikaner sind offen und gastfreundlich und sie leben in einem großartigen Land, das viel bunter ist, als die meisten Deutschen sich das vorstellen können – ethnisch, kulturell, landschaftlich.

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Hat sich Ihre eigene kulturelle Identität durch das Leben im Ausland verändert?  

Ich lebe in einer bi-nationalen Familie, meine Frau ist US-Amerikanerin, unsere Töchter besitzen beide Staatsbürgerschaften. So sind wir dankbar, dass mein Beruf es auch unseren Töchtern ermöglicht, die amerikanische Seite unserer Familienidentität nicht nur zu erfahren, wenn Freunde und Großeltern besucht werden, sondern sie auch im Alltag zu leben. Das prägt auch mich, wenngleich mehr als 50 Jahre gelebtes Leben in einem rein deutschen Umfeld bei mir doch stärker nachwirken, als bei meinen Töchtern.

Die Zusammenarbeit mit meinen europäischen Kolleginnen und Kollegen hier vor Ort erinnert mich ganz konkret an meine europäische Identität, was ich als sehr bereichernd erlebe.

Schließlich schärft der Abstand zur eigenen Heimat die Wahrnehmung von Stärken und Potenzialen, aber eben auch von Verkrustungen und Änderungsbedarf. Und ich denke wohl auch öfter darüber nach, was mir wichtig ist an Deutschland, und was ich gern von hier mitnehmen würde.

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen und sich bei Fulbright Germany um ein Stipendium bewerben könnten, welches Programm würden Sie wählen?

Es ist eine tolle Vielfalt, die sich da bei Fulbright bietet. Als Jurist würde ich mich natürlich zuerst für ein LL.M. Studienstipendium interessieren. Dass es dabei einen Förderschwerpunkt Demokratie gibt, finde ich großartig. Aufgrund meiner eigenen Geschichte war und ist mir das gesellschaftliche Engagement für Freiheit und Demokratie stets sehr wichtig. Und es war prägend für meine beruflichen Stationen bis hin zum Diplomaten, der ich heute bin.

Welche Bedeutung hat das Fulbright Programm für die transatlantischen Beziehungen?

Angesichts der enormen Herausforderungen unserer Zeit bleiben enge transatlantische Beziehungen zwischen Deutschland und den USA unverändert wichtig. Transatlantische Austauschprogramme wie das Fulbright-Programm spielen bei der Förderung von Verständnis und Verständigung zwischen Menschen wie Staaten eine unerlässliche Rolle.
In der Nachkriegszeit waren die Beziehungen zwischen den Generationen in Deutschland und den USA überschattet von den Gräueln und Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Die USA haben Deutschland in dieser Zeit nachhaltig unterstützt, politisch durch Impulse für den Aufbau einer freiheitlichen Demokratie wie auch durch die unverzagte Einbindung Deutschlands in die westliche Staatengemeinschaft, wirtschaftlich durch die Einrichtung des Marshall-Plans, und – seit 1952 – auch individuell durch Austauschtauschprogramme wie das Fulbright-Programm.

Das Fulbright-Programm bestärkt dabei nicht nur diejenigen, die in professioneller Hinsicht mit anderen Menschen zusammentreffen, sich fachlich austauschen und Netzwerke aufbauen wollen. Es bereichert zudem auch jene, die sich und andere besser kennen lernen und verstehen möchten. Diese persönlichen Begegnungen waren und sind zentral für die enge und gewachsene Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern.

Welche Worte möchten Sie künftigen Fulbrightern mit auf den Weg geben?

Senator J. William Fulbright äußerte sich bei mehreren Jubiläumsanlässen zum Zweck des von ihm angeregten und bereits zu seinen Lebzeiten nach ihm benannten Programms. So schrieb er u.a., dass wir durch Bildung und Austausch versuchen müssten, „die Grenzen menschlicher Weisheit, Empathie und Wahrnehmung zu erweitern.“ Dabei betonte er stets, dass „die vielleicht größte Kraft eines solchen intellektuellen Austauschs“ darin bestünde, „Nationen in Völker umzuwandeln und Ideologien in menschliche Bestrebungen umzusetzen.“

Dies ist ein großartiges Vermächtnis und Ihnen gleichzeitig ein Auftrag. Sie werden von diesem wunderbaren Netz- und Förderwerk profitieren und künftig Teil desselben sein. Darauf können Sie sich freuen und zu Recht stolz sein. Das Fulbright-Programm ist eines der prestigeträchtigsten Stipendien- und Austauschprogramme weltweit. Ihnen eröffnet sich eine inspirierende Welt, die Sie ein Leben lang begleiten wird. Nutzen Sie die Chance, diese zu entdecken, von ihr zu lernen und an ihr zu wachsen. Ihrer Generation kommt dabei eine besondere Rolle bei der Pflege und Vertrauensbildung im Verhältnis unserer beiden Länder und Völker zu.

 

 

Das Interview mit Konsul Gill ist Teil unserer „Consul Series“, in der wir Stimmen zum transatlantischen Austausch aus den deutschen Auslandsvertretungen in den USA und den U.S.-Auslandsvertretungen in Deutschland vorstellen. Wir möchten zeigen, wie die Konsuln und Konsulinnen in den beiden Partnerländern die deutsch-amerikanischen Beziehungen stärken, welche Bedeutung sie dabei dem Fulbright-Austausch zumessen – und wie interkulturelle Erfahrungen auch ihren Lebensweg beeinflusst haben.
Verfolgen Sie in unserer Serie, was andere Diplomatinnen und Diplomaten über das transatlantische Verhältnis sagen und wie sie zur Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern beitragen.

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